Collage zu erneuerbaren Energien
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21.10.2021 Kurzinformation

Oberhessische Versorgungsbetriebe AG - Herkulesaufgabe

Die Energiewende und die auf EU- und nationaler Ebene formulierten Ziele müssen ihre Umsetzung in großem Maße auf dezentraler, regionaler Ebene finden – da, wo auch ein Energiedienstleister wie die OVAG-Gruppe tätig ist. Was vor über 100 Jahren mit dem Aufbau einer Stromversorgungsinfrastruktur für Oberhessen begann, ist heute ein diversifiziert aufgestellter Dienstleister für Energie, Wasser und Mobilität. Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Peter Frank, Leiter Handel und Erzeugung der OVAG.

Das Umsetzen der Energiewende ist zweifelsohne eine Herkulesaufgabe. Konkret sind dazu die mittelfristig quantifizierten Umsetzungsziele bis 2030 beziehungsweise 2050 zu erfüllen. Sie beziffern zunächst die notwendigen Reduktionen an klimaschädlichen Emissionen und daraus abgeleitete Sektorziele.

Der Stromsektor – zentraler Baustein der Energiewende

Bei der Transformation der Stromerzeugung hin zu einer kernenergiefreien und dekarbonisierten Produktion sind für Deutschland Wind- und Solarenergie als Hauptlastenträger identifiziert. Insbesondere die Windenergienutzung wird das „Arbeitspferd“ der Energiewende im Stromsektor sein. Das gerade zum Jahresbeginn aktualisierte Gesetz zur Förderung der Erneuerbaren Energie (EEG 2021) schreibt Ausbauziele für den Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien als nationales Ziel fest. Bis 2030 sollen 65 Prozent des Strombedarfs regenerativ gedeckt werden. Wind soll daran den Hauptanteil haben.

Ausgezeichnet als Vorreiter der Energiewende

Die OVAG war bereits vor 30 Jahren mit ihrem ersten Testwindpark im hessischen Mittelgebirge der Region Vogelsberg Motor für die Windenergienutzung. Ihre 100-prozentige Unternehmenstochter HessenEnergie mit Sitz in Wiesbaden ist bis heute einer der aktivsten Windprojektierer in Hessen. Mit einem energiewirtschaftlichen Gesamtkonzept hat die OVAG-Gruppe das, was die öffentlichen Nachhaltigkeitsansätze fordern, für sich bereits vor gut einem Jahrzehnt strategisch in eigenes, regionales Handeln übersetzt: Mittlerweile nennt die OVAG rund 70 Windenergieanlagen (WEA) mit einer installierten Leistung von ca. 133 Megawatt (MW) ihr Eigen. Der Jahresumsatz mit Strom aus Wind betrug 2020 rund 19,5 Millionen Euro. Allein in den Jahren 2016 bis 2018 hat die OVAG in fünf Windparks 16 WEA mit knapp 50 MW errichtet und dafür Investitionen in Höhe von 81 Millionen Euro getätigt. Die Deutsche Umwelthilfe hat dieses Engagement bereits 2012 im Rahmen eines Wettbewerbs mit der Auszeichnung „Vorreiter der Energiewende“ versehen.

Aus alt mach neu

Nachdem deutschlandweit die ersten Windparks nach über zwanzigjährigem Betrieb an die Grenze ihrer technischen Lebensdauer gelangen, beginnt hierzulande eine zweite Phase der Windenergienutzung. Altanlagen auf windhöffigen Standorten, sofern diese im Regionalplan Energie des Landes als Vorrangfläche für die Windnutzung ausgewiesen sind, werden heute durch deutlich weniger, dafür aber größere Anlagen ersetzt, die ein Mehrfaches an Energieertrag bringen. Das dient nicht nur der effizienteren Stromerzeugung, sondern einem aufgeräumteren Landschaftsbild und ist auch ein Vorteil für den Vogelschutz, da die Rotoren nun in einer Höhe drehen, in der die Aufenthaltsdichte vieler Vogelarten deutlich geringer ist. Einen neuen wirtschaftlichen Anreiz für die Anliegerkommunen sieht das EEG 2021 vor. So können diese jetzt mit einem gesetzlich festgelegten spezifischen Anteil am Windertrag partizipieren. Neben Pacht und Gewerbesteuererträgen ist dies ein zusätzlicher Beitrag, mit dem kommunale Aufgaben bewältigt werden können. Aktuell hat die HessenEnergie z. B. ein Projekt im Genehmigungsverfahren, bei dem für den Neubau von fünf modernen WEA mit je 5,6 MW Leistung insgesamt 18 Alt-WEA abgebaut werden müssen. Deren Leistung summiert sich auf gerade mal 10 MW. Der Energieertrag am Standort wird sich dabei ungefähr verfünffachen! OVAG und HessenEnergie treiben weitere Projekte dieser Art voran. Aus den heute rund 240.000 MWh Grünstrom pro Jahr aus eigenen Windanlagen könnten theoretisch bis Mitte des Jahrzehntes 650.000 MWh werden. Das entspräche rund 65 Prozent des heutigen Strombedarfs der OVAG-KundInnen. Eine Zielmarke, wie sie das EEG für Deutschland bis 2030 anstrebt.

Projektrisiken deutlich gestiegen

Leider schreiten die vorgenannten Projekte nicht immer in der Geschwindigkeit voran, wie es Bund, das Land und nicht zuletzt sicher auch eine Bewegung wie Fridays for Future gerne hätten. Projektierung und komplexe Genehmigungsverfahren bis zum Bau nehmen heute schnell sechs Jahre in Anspruch. Über 20 Träger öffentlicher Belange sind anzuhören, vom Forst- über Wasser- und Denkmalschutz bis zu dem Kernthema Naturschutz durchläuft jedes Verfahren eine sorgfältige Evaluation. Die damit verbundenen Risiken können heute nur noch kapitalstarke Unternehmen stemmen. Denn: Eine Erfolgsgarantie gibt es bis zum Vorliegen des schriftlichen Bescheids nicht. Auch wenn diese Hürde genommen ist, muss erst noch im Wettbewerb der Auktionen eine benötigte Vergütung ersteigert werden, was nicht allen – das ist Sinn des Wettbewerbs – gelingen kann.

Auch Hessen hinkt hinterher

Trotz sichtbarer Erfolge: Der Ausbau im Windbereich – deutschlandweit, aber auch explizit in Hessen – in den letzten Jahren ist gehemmt. Der Zubau fiel von 103 neuen WEA im Jahr 2016 auf ganze 4 WEA (2019) und 27 WEA im vergangenen Jahr, wie die Fachagentur Wind an Land kürzlich veröffentlicht hat. Großer Flaschenhals sind – neben der wachsenden Anzahl von beklagten Projekten – dabei häufig die Genehmigungsverfahren bei den drei in Hessen zuständigen Regierungspräsidien in Darmstadt, Gießen und Kassel. Zeiträume für Infrastrukturprozesse in Deutschland sind oft schlicht eine Katastrophe und konterkarieren jedes politisch gesteckte Ziel. Klar ist: der Ausstieg aus der konventionellen Stromerzeugung kann nur stattfinden, wenn der Einstieg in die Alternativtechnologien und die zugehörigen Energie-Systemanpassungen auch gleichzeitig im notwendigen Umfang stattfindet. Passiert das nicht, sind auch die Enddaten für die Kohlenutzung lediglich eine Zahl auf dem Papier. Ein Ausstieg wird dann nicht zum avisierten Zeitpunkt möglich sein. Die OVAG leistet ihren Beitrag – nicht nur mit der Windkraftnutzung. Auch Solarenergie, Wasserkraft und Biomasse gehören zum eigenen Erzeugungsmix. Wir stehen in den Startlöchern noch mehr zu tun!

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